| Kira
Ich weiß es noch wie heute: Eines Tages stand
für mich fest: ICH WILL EINEN HUND! Wir waren gerade in unsere
Wohnung mit Garten gezogen, die Umstände erlaubten Hundehaltung,
und eigentlich hatten wir geplant, uns irgendwann einen Hund zuzulegen.
Ich war gerade dabei, Rasen zu sähen, als ich für mich
den Entschluss fasste: warum nicht jetzt? Abends teilte ich diese
Überlegung meinem Mann mit, dem nichts anderes übrig blieb,
als zuzustimmen.
Zunächst überlegten wir, was für
ein Hund es für uns sein sollte. Ich selbst liebäugelte
mit einem Westhighland Terrier, Ronald hätte gerne einen Golden
Retriever gehabt. War mir damals zu groß, denn eigentlich
hatte ich Angst vor großen Hunden. Ich mochte Hunde. Schon
immer. Ich wollte Hunde. Aber vor großen Hunden hatte ich
Angst. Keine Ahnung warum. War eben so. Also vielleicht ein Mischlung
aus dem Tierheim? Ein Welpe sollte es sein, da ich mir als Hundeanfänger
einen erwachsenen Hund mit Vorgeschichte nicht zutraute.
Telefonate mit Tierheimen führten zu der Erkenntnis,
dass es gerade keine Welpen gab, außer Schäferhund-Wolfshundmixen.
Und die waren definitiv zu groß, befand ich. Wir studierten
Rasseportraits und kamen zu dem Schluss, dass es dann doch ein Retriever
werden sollte. Entweder ein Golden oder aber ein Labrador Retriever.
Damals waren wir ziemlich ratlos. Wo bitte kauft
man einen Hund? Heute ist die Sache klar: Entweder holt man ihn
aus dem Tierschutz, oder aber von einem anerkannten VDH.Züchter.
Letzteres vor allem, wenn man einen Rassehund möchte.
Damals schauten wir in die Zeitung nach entsprechenden
Anzeigen. Wir wurden rasch fündug. Das eine oder andere Telefonat
machte sogar für uns Hundeanfänger klar: Hier geht es
nicht mit rechten Dingen zu. Wenn es zum Beispiel hieß: "habe
Welpen nicht da, aber kann besorgen..."
Schließlich machten wir einen Termin zum Welpengucken
mit einem Menschen gar nicht so weit entfernt von unserem Wohnort.
Wir fuhren hin, wurden freundlich begrüßt. Netter Mensch,
einige Westies, die herumwuselten. Wir mußten ein Stück
fahren. Ein Zwinger, zwei Golden Retriever drin. Die Eltern. Schöne
Hunde, wir hatten keinen näheren Kontakt. Ein weiterer Zwinger
daneben mit einem großen schwarzen Hund drin. Dann war es
soweit: Ein Sohn des Mannes brachte "unseren" Welpen.
Die Welpen wären in einem Stall untergebracht, hieß es,
und nein, die Geschwister könnten wir jetzt nicht sehen, die
würden schlafen.
Damals glaubten wir jeden Mist.
Egal. Dieses kleine Hundemädchen begeisterte uns durch ihre
lebhafte, charmante Art so sehr, dass wie sofort zusagten, sie zu
nehmen. Wir machten eine Anzahlung und sagten zu Hause weitere Termine
mit anderen Züchtern ab. Wir hatten unseren Hund gefunden.
Auf der Heimfahrt beschlossen wir, dass sie Kira
heißen sollte. Zu Hause wurde nun alles hundegerecht gemacht.
Zwei Wochen später wollten wir unseren Welpen
holen. Aber da hieß es, die Hündchen hätten das
Impfen nicht vertragen und wären krank.
Der Abholtag. Was waren wir nervös! Dann wurde
uns ein vollgefressener Welpe mit rundem Bäuchlein präsentiert.
Damit sie auf der Heimfahrt ruhig ist, hieß es. Wir berzahlten
den restlichen Kaufpreis. Papiere wollten wir nicht. Mit Papieren
kostet es mehr, hieß es. Die Leute, die uns Kira verkauften
hatten überall Westies herum laufen, Für uns allerding
ein gutes Zeichen, denn irgendwie lebten die mit den Hunden. Na
ja.
Kira war von Anfang an schwierig. Körperlich
litt sie fast zwei Jahre unter Verdauungsproblemen. Fraß anfangs
schlecht.
Sie hatte große Probleme mit Menschen. Uns akzeptierte sie
nach ungefähr einem Jahr. Sie hatte nie gelernt zu spielen,
man mußte sie immer animieren. Was haben wir gearbeitet, um
ihr apportieren,- DIE Retrieverdisziplin!- schmackhaft zu machen.
Es hat funktioniert. Kira ist ein sehr zuverlässiger Apportierhund,
die mit großer Begeisterung arbeitet. Aber es kostete unglaublich
viel Mühe und viele kleine Schritte, damit Kira ihren Weg gehen
konnte.
Kira fehlte als Welpe das Zusammenleben mit der
Mutter, von der sie viel zu früh getrennt war. Sie konnte nicht
lernen, was Hündinnen ihren Welpen beibringen. Und ihr fehlte
in ihrem Stall komplett der Kontakt zu Menschen.
Tatsächlich wurde uns erst mit Ivy klar, wie
viel komplizierter Kira doch war. Vieles klappt bei Ivy einfach
so, weil sie Ivy ist, weil sie „will to please“ hat,
weil es ihr leicht fällt, mit uns Menschen zusammen zu arbeiten.
Ivy vertraut uns.
Bei Kira war jeder Schritt hart erkämpft.
Natürlich kam auch Ivy nicht erzogen und mit perfektem Benehmen
auf die Welt! Oh nein! Auch Ivy hat ihre Macken und Eigenarten.
Der Unterschied ist: Bei Ivy merkt man ganz deutlich, dass sie Sicherheit
und Bindung zum Menschen von Haus aus mitbekommen hat. Bei Ivy kann
man mit Erziehung anfangen. Mit einem Welpenkurs.
Bei Kira mussten wir erst Sicherheit, Vertrauen und Bindung aufbauen.
Wir haben es geschafft. Manch einer wäre an Kira gescheitert.
Wie es so oft bei Problemhunden geschieht, die dann im Tierheim
landen, oder bei ihren Menschen bleiben, die unglücklich sind
mit ihren Hunden und nicht wissen, was falsch läuft. Und oft
läuft gar nichts falsch. Die Menschen meinen es gut. Meistens
wurde der Hund als Welpe traumatisiert und hat schlichtweg Angst.
Viele Hunde, die zu früh von der Mutter getrennt werden, damit
man sie teuer verkaufen kann, haben nicht gelernt, was Welpen von
ihren Müttern lernen: gutes Sozialverhalten und Vertrauen in
Artgenossen.
Kira ist jetzt 13 Jahre alt. Sie ist mein Herzhund. Trotz, oder
vielleicht auch wegen ihrer zweifelhaften Herkunft: Kira und ich
haben so viele Kämpfe ausgefochten, uns zusammen gerauft, Spaß
gehabt, herum gezickt, geübt, herum gealbert, gearbeitet, Erfolg
gehabt. Kira ist ein tolles Mädchen. Aber sehr eigen. Jetzt
ist sie alt. Ihre Sinne lassen nach. Sie hört schlecht, sie
sieht schlecht, sie ist grau geworden. Niemand kennt mich besser
als sie. Ich wünsche jedem Menschen dieses Erlebnis! Mein alter
Hund! Ich genieße jeden Tag mit ihr! Kira hat mich geprägt,
wie es vielleicht kein anderer geschafft hätte. Auch kein Mensch.
Kira war für uns bestimmt. Das ist das Kuriose daran. Sie,
der Vermehrerhund, hat uns soviel gegeben in unserem Leben! Trotzdem:
Gerade weil wir wissen, wie viel wir gearbeitet haben, um Kiras
Vertrauen zu gewinnen wird unser nächster Hund, so wie Ivy,
aus VDH-Zucht stammen.
Aber Kira wird immer etwas Besonderes bleiben, einzigartig, aber
nicht wiederholbar!
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Im Juli 2011
Wir haben Kira auf ihre letzte große
Reise geschickt. Mit 14,4 Jahren schlief sie friedlich im Auto
ein, nachdem der Tierarzt ihr die Spritze gesetzt hatte. Ich habe
mich immer gefragt, ob ich wissen würde, wann der richtige
Zeitpunkt sein würde, diese letzte Entscheidung zu treffen.
Als es soweit war, wusste ich es tatsächlich.
Vor einer Woche bekam Kira Durchfall und erbrach. Gleichzeitig
schwächelte sie an den Hinterläufen, kam schwer hoch,
lief wackelig. Der erste Verdacht beim Tierarzt war eine Infektion
am Magen, die sie schwächt. Es gab eine Spritze, nach der
es etwas besser ging. Außer, dass Kira Futter verweigerte.
Am nächsten Morgen lief sie noch immer wackelig, sie ging
nur noch zum Pinkeln raus, und das mit Mühe. Nachkontrolle
beim Tierarzt, Spritze, Medikamente gegen das Lahmen, Spezialfutter.
Abends versuchte sie sogar noch ein bisschen mitzumachen, als
ich im Garten mit Ivy Ball spielte. Aber das war nur ein letztes
Aufbäumen. Ich schlief mittlerweile mit Kira im Wohnzimmer,
weil sie seit ein paar Tagen keine Treppe mehr steigen konnte
und oft auch Nachts sehr unruhig war. Trotz allem hatten wir noch
etwas Hoffnung, überlegten aber auch schon, was sein sein
würde, wenn sich ihr Zustand verschlechterte. Überlegten,
sie zu Hause einschläfern zu lassen, fragten uns, ob wir
diese Entscheidung überhaupt treffen können und dürfen.
Zwei Tage später - gestern - hatten wir nachmittags wieder
Tierarzttermin. Die Nacht verlief unruhig, Kira war rastlos. Gleichzeitig
verschlechterte sich ihr Zustand. Sie taumelte, hatte keine Kontrolle
über ihre Hinterläufe. Das rechte Auge sah komisch aus,
als ob auch hier keine Funktion mehr da wäre. Gesehen hat
sie ohnehin nicht mehr gut. Seit Tagen fraß sie erstmals
wieder etwas. Weil sie das Spezialfutter nicht mochte, gab es
Huhn mit Karotte püriert und Toast.
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Vormittags war sie rastlos, konnte nicht liegen,
stand auf, kippte um, wechselte mit Hilfe den Platz, blieb unruhig.
Die Kraft verließ sie zusehends. Mittags trug ich sie zum
Pinkeln in den Garten. Sie wollte sich hinhocken, konnte sich aber
auch nicht mehr auf den Vorderläufen halten. Später legte
ich mich neben sie, merkte aber schnell, dass das nur mein Bedürfnis
nach Nähe war. Ihr war das alles so unangenehm, wenn sie gekonnt
hätte, wäre sie aufgestanden und gegangen. Das habe dann
ich gemacht. Kira war zeitlebens ein Hund mit viel Würde gewesen.
Nicht pinkeln zu können, oder auch nur gehalten oder getragen
zu werden, wäre nichts gewesen, was ihr lange gefallen hätte.
Gestern mittag war ich trotzdem noch am Zweifeln, was zu tun sei.
Viertel vor vier Tierarzttermin. Um drei wollte ich Kira wecken
und ihr beim Aufstehen helfen. Wecken war schwer, aufstehen ging
gar nicht mehr. Ich trug sie ins Auto, rief Ronald an und bereitete
ihn darauf vor, dass ich Kira wohl nicht mehr lebend nach Hause
bringen würde, - es sei denn, der Tierarzt weiss noch Rat.
Was wir schon tagsüber vermutet hatten, bestätigte dann
auch der Tierarzt: dass Kira wohl einen Schlaganfall hatte. Man
könne versuchen genaueres zu diagnostizieren und zu therapieren,
aber mit zweifelhaften Erfolg. Ich rief Ronald an, der kam aus dem
Geschäft zum Tierarzt um sich zu verabschieden und so schlief
Kira schließlich am Freitag um halb fünf friedlich ein.
Es war die richtige Entscheidung, das wussten wir in diesem Moment
alle, und es war der richtige Zeitpunkt unsere alte Freundin in
Frieden und Würde gehen zu lassen. Wir haben sie auch nicht
verbrennen lassen, sondern im Garten begraben.
Seitdem ist nichts mehr so, wie es war. Kira war ein Teil unserer
Familie und Teil unseres Lebens für so viele Jahre. Wir sind
so traurig.
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